Visuelle Diagnostik in der Ohrakupunktur
Autor: Michael Noack
Einen Menschen in seiner Ganzheit ausschließlich nach der Form seiner Ohren zu bewerten ist fahrlässig und unseriös. Der Wunsch quasi mit einem Blick erkennen zu können, wer der Andere eigentlich ist, dürfte so alt wie die Menschheit sein. Aber er läßt sich so einfach nicht und ganz und gar nicht im gewünschten Umfang realisieren.
Das Ohr vermittelt, wie auch andere äußere Zonen des Körpers, Informationen über die Konstitution eines Menschen, seine Disposition im Bezug auf Krankheiten und über seine Art auf Umwelt zu reagieren. Dieses zu erkennen und richtig zu bewerten ist Ziel der visuellen Diagnostik. Schon immer war sie ein unentbehrliches Rüstzeug für den kundigen Behandler. Die Erkenntnisse, die er aus dem, was er sehen kann, gewinnt, sind wichtig und objektiv richtig, wenn es ihm gelingt, die Dinge so wahrzunehmen, wie sie sind und er darauf verzichtet, sie anders zu benutzen, als zur Erkenntnis über die Krankheit.
Erklärungen der äußeren Gestaltung des Ohrs beziehen sich, wie später noch zu sehen sein wird, auf unterschiedliche Zusammenhänge. An dieser Stelle wird der Versuch dargestellt, aus der Form auf die Gesamtpersönlichkeit zu schließen. Erkenntnisse auf dieser Grundlage sind, da es keine objektiven Kriterien gibt, eher spekulative Interpretationen als gesicherte Aussagen über eine Person und nur mit Vorsicht für eine Gesamtanalyse einzusetzen.

- Der obere Ohranteil entspricht danach der Zone des Denkens. Aus der Größe und Form im Verhältnis zum Gesamtohr kann man schließen, welche geistige Entwicklung diese Veranlagung zulässt.
Eine ausgeprägte, gut geformte Helix mit weitem Bogen lässt auf gute geistige Anlagen und künstlerische Impulse schließen. Unter Umständen liegt eine hohe Empfindsamkeit vor und der Betroffene nimmt mehr auf, als er abgeben (ableiten) kann. Solche Konstitutionen reagieren häufig mit Magenproblemen, wenn die Belastungen zu stark werden. Eine dünne Helixkrempe, an der sich zusätzlich kleine Knötchen ausprägen, deutet in einer solchen Konstitution häufig auf Erstarrungen im Menschen. Meist ist eine solche Disposition vergesellschaftet mit allgemeiner Lebensangst, die zum Erstarren der Gedanken, der Gefäße, der Gelenke usw. nicht unmaßgeblich beiträgt.

- Der mittlere Ohranteil entspricht der Zone des Fühlens, der Seele. Eine harmonische äußere Form läßt auf Ausgeglichenheit schließen. Die Tatsache, daß in diesem Bereich der Verdauungstrakt (Magenfeld in der Concha am unteren Ende der Crus helixis) macht uns auf die Abhängigkeit von Verdauungstrakt und seelischer Verfassung (und umgekehrt!) aufmerksam.

- Der untere Teil des Ohres ist der Lobulus. Seine Form und Größe stellt Kraft und Persönlickeit heraus. Es ist der Yang- Anteil der körpereigenen Energie, die nach außen gerichtete Lebenskraft, die sich hier darstellt. Wenn der untere Teil des Ohres stark entwickelt ist, könnte es sein, daß diese Kraft die Gesamtpersönlichkeit dominiert. Solche Menschen werden häufig nicht bemerken, daß sie andere mit ihrer spontanen (arglosen?) Kraft erschrecken. Diejenigen, die ihre Dominanz bewußt erfahren und begriffen haben, werden sie aber möglicher Weise auch bewußt zum eigenen Vorteil einsetzen.
Kleine, kaum ausgeprägte Ohrläppchen, nicht frei hängend, angewachsen, lassen darauf schließen, daß hier ein weniger extrovertiertes Wesen vorliegt. Dieser Mensch bezieht sein Selbstbewußtsein ( wenn überhaupt!?) eher aus der geistigen Ebene. Das ist nicht immer leicht und so sind diese Menschen schnell verunsichert. Sie verausgaben sich seelisch und körperlich schneller, als die oben zuerst beschriebene Personengrupp
e.
Generell kann man wohl davon ausgehen, daß ein wohlgeformtes Ohr auf einen ausgeglichenen Menschen schließen läßt. Aber was heißt das schon? Wird ein solcher mich deswegen nicht enttäuschen? Kann er mir nicht trotzdem wehtun ?
Ein zerklüftetes Ohr, läßt auf einen sicher schwierigeren Charakter, nicht aber, wie man das verschiedentlich hört, auf eine gewaltsame oder gar verbrecherische Veranlagung schließen.
Der Mensch ist genetisch determiniert und insbesondere was seine Krankheitsbereitschaft betrifft, prädisponiert - aber er ist auch-, je älter er ist, um so gebieterischer mischt sich dieser Fakt ein, - durch Erziehung, Erfahrungen und gesellschaftliche Normen geprägt. Diese Lebensphase verändert das Ohr nicht, wohl aber den Menschen. Das, was ihn als gesellschaftliches Wesen ausmacht, wie er denkt, handelt oder auf Andere wirkt, ist anders als seine genetische Disposition und nicht der Schädelform oder der Struktur des Ohrs zu entnehmen. Da der Mensch und sein Handeln zudem immer nach aktuellen gesellschaftlichen Normen bewertet wird und sich diese Normen, wie wir gerade erleben, nachhaltig verändern können, ist diese Bewertungskategorie im Übrigen auch nicht sicher. Gestern noch ein (sozialistischer) Held, findet sich Mancher heute auf einer Anklagebank wieder.
Also sei man nicht versucht, aus dem Ohr eine moralische Bewertung des betrachteten Menschen abzulesen. Das ginge nicht gut. Die vorhandenen Zeichen aber bei der Krankheitsuntersuchung nicht zu beachten, wäre auch dumm, weil es die Möglichkeiten der Erkenntnis einschränken würde. Alles hat einen Sinn. Neben der Gesamtform und der Gestaltung der einzelnen Teile des Ohres ist auch seine Position am Kopf von Bedeutung. Wenn man will, kann man erkennen, welcher Teil des Ohres besonders entwickelt ist. Man sieht, ob das Ohr ausgewogen oder extrem gestaltet ist. Man sollte in die Bewertung einbeziehen, ob das Ohr hoch, normal- oder tiefliegend, schräggestellt oder gerade am Kopf ist, ob es eng anliegt oder absteht. Wenn man den Kopf von der Seite betrachtet, liegt das Ohr im 2. Drittel des Kopfes und die untere Kante des Ohrläppchens horizontal auf gleicher Höhe mit der Nasenunterkante.
Liegen Ohren höher, schließt man auf Überschwang, Optimismus - aber auch zu theoretischen Überspanntheiten. Ein Mensch also, der die Welt kraft seines Geistes erlebt und zu gestalten sucht. Man weiß ja, welche Kraft ein scheinbar plausibles Argument hat, auch wenn es gelegentlich falsch ist.
CAVE: Der Maßstab für Wahrheit ist die Praxis. Wer sich von Theoretikern die Welt erklären läßt, ist selbst schuld, wenn er sich verirrt.
Liegen die Ohren zu tief, ist der Eigentümer vielleicht ein ängstlicher Grübler. Seine Neigung, die Dinge schwerer zu nehmen als sie sind, wird durch Krankheit und Alter verstärkt.
Zusätzliche Informationen gewinnt man, wenn man Zeichen wie Pickelchen, Einziehungen, Rötungen, weiße Stellen usw. die sich an beliebigen Stellen am Ohr finden, wahrnimmt. Aus ihnen kann man auf akute Störungen in jenen Körpersystemen schließen, die sich aus gegebenem Anlaß an den entsprechenden Stellen im Ohr darstellen.
Zur eigenen Bestätigung solcher Zusammenhänge lohnt es sich, auf die ganz unabhängig von der "Ohrakupunktur" in Jahrtausenden gewachsene Auffassung der traditionellen chinesischen Medizin über die Bedeutung äußerer Formen, Farben, Geruch usw. als Widerspiegelung der Befindlichkeit des Gesamtkörpers zurückzugreifen. Das Ohr ist aus chinesischer Sicht die äußere Darstellung der Niere. Die Nieren sind danach der Sitz und Ausgang der Erbenergie, hier wird diese Kraft gespeichert und potenziert. Aus der Disposition der Nieren bestimmen sich nicht nur die Kraft und Ausdauer, sondern auch Willen und Gefühlsregungen. Heute ist es auch uns klar, daß Leben, Krankheiten und Heilung, ja sogar psychosomatische Vorgänge, an biochemisch-materielle Prozesse im Körper gebunden sind.
Nach chinesischen Erfahrungen deuten daher große Ohren auf eine gute Erbenergie. Kleine Ohren dagegen lassen auf eine geringere Kraft schließen usw.
Was macht man mit seinen Erkenntnissen?
Es sei an dieser Stelle mit allem Nachdruck darauf hingewiesen, dass erkennbare Disproportionen oder sonstige Zeichen des Ohres keine Bedrohungen darstellen. Man ist seinen Prädispositionen nicht hilflos ausgeliefert. Diese Zeichen sind eine Chance! Erkenntnisse über Schwachstellen unseres Körpers geben uns die Möglichkeit, das eigene Leben entsprechend zu gestalten und auf diese Weise gesund zu bleiben.
In der Praxis ist die Diagnose aus dem Ohr allein nicht denkbar. Immer sind Anamnese und u.U. klinische Untersuchungen zusätzlich notwendig, um ein reales Krankheitsbild zu erfassen. Interessant und verwertbar sind die Informationen, die wir den strukturellen Veränderungen des Ohres durch einfaches Hinschauen entnehmen können, immer. Sie verkürzen den Weg der Erkenntnis über den Ausgangspunkt oder den Schwerpunkt des Krankheitsgeschehens.
Pankreas
Das Pankreasareal liegt in der Concha superior des linken Ohres am Ende der Crus helixis. (Im rechten Ohr befindet sich dort das Leberareal) Wenn in diesem Bereich eine Schwellung erkennbar ist, gilt das als ein Warnzeichen. Diese Schwellung kann weiß (chronisch, Mangel) oder rot (akut, Stau) sein. Aber auch andere Zeichen in diesem Areal, wie Pigmentzeichen, Pickel, Einziehungen usw. sind Anlaß hier einmal die Situation abzuklären. Eine enge oder erweiterte Concha superior geben Auskunft über die Stoffwechsellage für die Organsysteme, die sich hier abbilden. Eine enge Concha suprior weist häufig auf eine Disposition zum Diabetes. Die weit Concha ist ein Zeichen allgemeiner Stoffwechsellabilität. Man sollte in diesen Fällen auch die Gestaltung der Incisura intertragica zur Bewertung heranziehen. Sie hat Beziehungen zum hormonellen und lymphatischen System und damit zum generellen Stoffwechselgeschehen. Die Einengung der Incisura intertragica deutet auf einen verlangsamten Stoffwechsel. Die erweiterte Incisura intertragica weist auf übersteigerten Stoffwechsel.

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