Schmerztherapie
von Michael Noack
Möglichkeiten und Grenzen der Ohrakupunktur
Im alten Ägypten unterschied man zwischen körperlichen Schmerzen mit erkennbarer Ursache und solchen unbekannter Genese. Die Schmerzen unbekannter Genese führte man auf übernatürliche Kräfte, auf Geister zurück. Gegen diese unerklärlichen Schmerzen wurden u. a. magische Zahlen, wie etwa die magische Zahl 7 eingesetzt. Eine Schnur mit 7 Knoten, in denen zusätzlich magische Gegenstände enthalten waren, wurde bei Kopfschmerzen um den Kopf gebunden. Und dann ging der Schmerz weg – oder er blieb, wie das so ist in der Welt.
Hippokrates (um 400 vor Christi Geburt) betrachtete Schmerz als eine Eigenschaft der Seele. Schmerz wurde von ihm als ein Problem gehandelt, dass man durch Logik und rationales Denken beherrschen konnte.
Galen (Galenus, römischer Arzt im 1. Jahrhundert nach Christi Geburt) ordnete endogene (innere) Schmerzen einer fehlerhaften Zusammensetzung der Körpersäfte zu.
Descartes (um 1580) sagt über Schmerz: … Körper und Seele funktionieren ganz unabhängig voneinander, und der Schmerz reduziert sich als ein rein körperliches Phänomen.
Die christliche Leidensethik letztlich definiert Schmerzen als von Gott gewollt. Schmerzen haben den Sinn der Erlösung von Körper und Geist.
Die heutige Schulmedizin spricht wieder von Schmerzen nicht erkennbarer Genese und in diesem Fall von „Schmerzkrankheit“. Schmerzen ohne erkennbaren Grund? Geister? Sind wir wieder auf dem Stand der Erkenntnisse der alten Ägypter?
Aus chinesischer und heutiger, naturheilkundlicher Sicht stellt sich Schmerz als ein Mangel an fließender Energie dar. Diese Erkenntnis bewährt sich schon seit über 2.000 Jahren. Schmerz entsteht, weil an eine Stelle des Körpers zu wenig Energie gelangt und energetisch nicht ausreichend versorgt wird oder weil hier zu viel Energie zur Verfügung gestellt wird und so ein Stau bewirkt wird. Schmerz ist damit generell das Signal des Körpers auf eine Störung dortselbst.
- Schmerz hat also einen Sinn im Leben. Er ist keine Bedrohung. Schmerz versetzt uns in die Lage, eine Störung im Organismus zu erkennen und zu regulieren.
Unsere Patienten erleben Schmerz als eine komplexe Sinneswahrnehmung unterschiedlicher Qualität und Quantität, als stark, schwach, ziehend, pochend, brennend, zuckend usw. Er entsteht plötzlich, weil wir uns gestoßen haben, oder wir schleppen uns damit schon länger herum, er ist dann eine chronische Erscheinung.
Die wesentlichen, allgemein bekannten Ursachen für Schmerz sind:
- eine lokalisierte strukturelle Läsion (es hat sich z. B. jemand das Knie gestoßen!), als Folge entsteht ein Prellungs- oder Wundschmerz,
- funktionelle Störungen, die zu Kopfschmerzen, Gliederschmerzen usw. führen und immer von Stoffwechselproblemen entweder als Ursache oder als Folge begleitet sind,
- emotionale / sozialpsychologische Geschehen, die ihre Auswirkungen auf den Organismus haben (z. B. Rückenschmerzen, cave: Nach chinesischer Ansicht manifestieren sich die persönlichen, nicht geklärten, sozialen Probleme als Schmerz im Rücken!).
Diese Zusammenhänge zu erkennen, fällt manchem schwer. Was aber von vielen kaum wahrgenommen wird, ist die Tatsache, dass Schmerz häufig durch Störfelder hervorgerufen wird.
Ich verweise auf die Lehrsätze der Gebrüder Huneke (Neuraltherapie):
- Jede chronische Krankheit kann störfeldbedingt sein!
- Jede Stelle des Körpers kann zum Störfeld werden!
Das heißt, jede Narbe, jeder längst verheilte Knochenbruch, jede chronische Entzündung (gemeint sind Herde an / in Zähnen, Stirnnebenhöhlen, Mandeln und solche, die durch so genannte Schutzimpfungen im Körper entstehen usw.) kann zu einem Störfeld werden und zu Irritationen im Organismus führen. Störfelder erzeugen Krankheiten, zu deren Folgen dann u.a. auch Schmerzen gehören.
Ein Beispiel: Jahrelange Magenschmerzen verschwanden nach Durchflutung von Narben, die nach einer Beinoperation auf dem Magenmeridian zurückgeblieben waren. Narben nach Kaiserschnitt oder anderen Unterleibsoperationen führten zu gestörtem Sexualverhalten (Frigidität) der betroffenen Frauen, wenn das Narbengewebe verhärtete. Ein weiteres Beispiel: Zahnherde sind ernsthafte Störfelder. Nach Prof. Bucek gibt es bei fast 90 % der Bevölkerung mindestens einen Zahnherd u. a. als Folge von Wurzelbehandlungen und anderen zahnärztlichen Bemühungen. Die Folgen sind, so Prof. Bucek, chronische Erkrankungen von Rheuma über Kreislauf bis Neuralgien. D. h. betroffen ist nicht nur das Immunsystem, sondern auch Nerven und Energiehaushalt.
Aus meiner Sicht - und ich beziehe meine Überzeugung sowohl aus der täglichen Praxis als auch aus den o.g. Weisheiten der Traditionellen Chinesischen Medizin - ist Schmerz niemals ein zufälliges Symptom, sondern immer ein integrierter, wesentlicher Teil einer bestehenden Krankheit. Ob er in seinen Ursachen erkennbar oder nicht erkennbar wird, das ist lediglich eine Frage des persönlichen Kenntnishorizontes des Betrachters.
Hier kommt übrigens ein weiterer Umstand ins Spiel, der eine objektive Tatsache darstellt, aber wenig diskutiert wird. Störungen, die im Körper längere Zeit existieren und die nicht reguliert werden, Schmerzen z. B., die wir lange genug verdrängt haben (ein Indianer kennt keinen Schmerz!?), werden von unserem Organismus irgendwann als systemimmanent akzeptiert. Jetzt benimmt dieser sich, als gehöre der Schmerz zum System. Er reguliert nun nicht nur nicht mehr. Nein, er verteidigt diese Störung jetzt wie alles System Sichernde im Körper.
- Alle chronischen Krankheiten sind solche „angenommenen Verwandten“. Man gewöhnt sich an ihre Anwesenheit und wird sie schwer wieder los.
Im Falle von Schmerz bedeutet das: Man kann diesen zwar mit beliebigen Schmerzmitteln als eine „Schmerzkrankheit“ unterdrücken. Geheilt werden kann der Organismus jedoch nur, wenn der Schmerz als Symptom einer Organstörung behandelt wird. Er verschwindet von selbst, wenn das funktionelle Agens, also die Ursache für den Schmerz, aufgehoben wurde.
Aus der Sicht der Naturheilkunde gibt es eine Reihe von Möglichkeiten (von Phytotherapie über Akupunktur bis Homöopathie), Schmerzen zu lindern und zu heilen. Sie alle beruhen auf der Erzeugung von akuten Reizen, die Bewegung erzeugen und im Organismus etwas zum Fließen zu bringen.
Als besonders wirksam hat sich dabei die Ohrakupunktur erwiesen:
Durch die Behandlung über das Ohr können alle funktionellen Schmerzen beeinflusst, gelindert und häufig ganz ausgeschaltet werden. Das reicht vom traumatischen Schmerz (u. a. nach Unfällen) über Neuralgien, Kopfschmerzen jeder Form und Genese, Ischias, Amputations- und Phantomschmerzen, Schmerzen bei rheumatischen Anfällen oder bei Claudicatio intermittens, Herpes Zoster-Schmerzen und, und, und…
Beispiele:
- Ob etwas dran wäre an der Ohrakupunktur, fragt mich zu einer Gelegenheit ein Neugieriger, und ich fragte zurück, ob er nicht einen kleinen Schmerz hätte. Ich könnte ihn mit Ohrakupunktur schnell beseitigen. Das wäre überzeugender, und ich brauchte nicht so viel reden. Er hatte Schmerzen im Ellenbogen, und ich nadelte im Ohr den Punkt, wo sich der Ellenbogen abbildet - der Schmerz verschwand sofort!
- Anlässlich eines Kurses im Krankenhaus in Kötztingen wurde mir eine Patientin mit einem „Post-Herpes-Zoster-Schmerz“, der sie seit neun Jahren aufs Schlimmste quälte, vorgestellt. Nach nur einer Behandlung waren nach ihren Worten 80% des Schmerzes verschwunden.
Die Ohrakupunktur ist für die Behandlung aller Leiden, die das zentrale Nervensystem betreffen, ebenfalls von unschätzbarem Wert: Furcht, Platzangst, Besessenheit, Konzentrationsmängel, Schwindel, Stottern usw. sind Beispiele einer langen Reihe von Indikationen, bei denen sie wirksam eingesetzt werden kann. Eine besondere Bedeutung kommt der Suchtbehandlung zu. Verschiedene Programme zur Entwöhnung bei Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabusus, zur Raucherentwöhnung oder bei der Bekämpfung von Adipositas in Verbindung mit Esssucht geben dem Behandler die Möglichkeit, sich der individuellen Situation des Suchtkranken zu stellen.
Grundsätzlich beginnt eine Behandlung entweder mit einem causalen Therapieansatz (Arbeitsstrahl, Korrespondenzpunkt usw.), bei dem die lokalisierte Schmerzbehandlung (zusätzliche Organpunkte) ergänzenden Charakter hat, oder man findet eine akute Situation vor (Unfall usw.) und behandelt organotrop direkt am Schmerz, das heißt dort, wo sich die entsprechende Störung im Ohr darstellt. Auch pseudoakute Situationen, d. h. wenn Störungen zwar spontan aufgetreten (z. B. ein Ischiasanfall) aber nicht (nur) durch akute Geschehen verursacht worden sind, erfordern zwar häufig als ersten Schritt eine organotrope Vorgehensweise. Später jedoch sollte auch die verursachenden Zusammenhänge behandelt werden.
Eine mir bekannte Heilpraktikerin hatte erstens ständig Zahnschmerzen und einen vereiterten Kiefer - und zweitens eine unüberwindbare Angst vor dem Zahnarzt. Sie hat sich die Schmerzen so lange „weg genadelt“, bis es zur Kiefernekrose kam und die Arme operiert werden musste.
Der Vorteil bei der Ohrakupunktur ist, dass Behandlungsergebnisse sofort eintreten und bewertet werden können. Der Patient sagt einem, was vorgeht. „Der Schmerz in der Stirn ist weg“, sagt er etwa, aber jetzt wäre die Schädeldecke schmerzhaft. Also setzt man die Nadel zusätzlich dorthin, wo sich der Schädel abbildet. Und so weiter.
Natürlich gibt es auch Grenzen: Dort, wo irreparable Organschäden herrschen oder / und keine Energie vorhanden ist, haben wir mit einer energetisch-regulierenden Therapie wenig Erfolg. Ein nennenswerter Energiemangel herrscht übrigens auch, wenn sich der Patient direkt nach einem opulenten Mahl unserer Behandlung unterziehen will.
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